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Hultenreich, Jürgen K.: Die Schillergruft (Roman)
ISBN 3-89693-173-3 (05/2001)
202 Seiten, Ebr., EUR 15,50 / SFr 27,50

Mitte der 60er Jahre, DDR. Wegen eines gescheiterten Fluchtversuchs gerät der junge Georg Hull in die Mühlen von Justiz und Psychiatrie. Dort bekommt er es mit vermeintlichen Kampffliegern, Propheten, falschen Schillerfreunden oder tatsächlichen Spitzeln zu tun. Doch er findet auch seine verlorengeglaubte Jugendliebe wieder.
Schillers Gedichte, die er auswendig kennt und zum Spaß seiner gegen oder auf ihn wettenden “Vernehmer” in zum Teil aberwitzigen Situationen perfekt rezitieren muß, werden ihm in dieser “Gruft” Halt und – wenn die Wette gelang – finanzieller Trost.
Trotz des ernsten Rahmens trifft auch für diesen Roman zu, was Dr. Stan Jones über Hultenreichs Die 748-Schritte-Reise anmerkte: “Literatur des Grotesken, des Absurden – ausbalanciert durch schriftstellerisches Talent.”

Jürgen K. Hultenreich wurde 1948 in Erfurt geboren und wuchs dort auf. Er arbeitete als Musiker, Bibliothekar und Lyrikrezensent, bevor er 1985 aus der DDR ausgewiesen wurde. Seitdem lebt er als freier Schriftsteller im Westteil Berlins. Seine Arbeiten wurden in zahlreichen Zeitschriften und Antologien veröffentlicht, zusätzlich ist er noch für den Rundfunk und das Fernsehen tätig.
1990 wurde Jürgen K. Hultenreich mit dem Marburger Literaturpreis ausgezeichnet.

Leseprobe

Finsterblick schob mich durch die offene Tür. In dem Zimmer lag ein schmaler, ausgelatschter Kokosläufer auf blankpoliertem Linoleum. Hinter seinem aufgeräumten Schreibtisch spreizte sich ein Gefängnisbeamter in weißem Kittel, schlank, intelligent aussehend, böse, und blätterte im Magazin. Die Wanduhr zeigte Punkt halb neun.
Halb neun war immer auch genau die Zeit, wo in des berühmt-berüchtigten Doktor Wamhoffs Wartezimmer die Erfurter Faulpelze am lautesten zu keuchen, zu schniefen, zu husten pflegten und ihre wollenen Rotzlappen zückten, denn dann, auf die Sekunde pünktlich, wahrscheinlich bildete er sich darauf was ein, betrat die Hoffnung und der Trost und der Stern aller Unpünktlichen seine Praxis Ecke Juri-Gagarin-Ring/Trommsdorff-Straße 5a – Hindenburggesicht, Hindenburgbürste, Hindenburgfigur. Vielleicht war er es sogar persönlich, oder der Sohn.
Wir liebten ihn alle. Auch ich. Kein Regentag konnte unser Verhältnis zu ihm trüben, kein strahlender Sonnenschein meinen Weg zu ihm verhindern. Niemand verließ diesen heiligen Ort je ohne Krankenschein. Jeder hustete sich nach erfolgter Behandlung erleichtert dem Ausgang entgegen, und nirgendwo, in der ganzen Stadt nicht, sah man auf den Treppen nach unten solch entspannte Gesichter, solch verschmitztes Zuzwinkern.
Wir waren eine verschworene Gemeinschaft. Wir erkannten uns auf den Straßen. Wir hielten in den Kneipen bis zum Schluß unsre Knochen hin. Wir kamen nie zum Frühstücken, da wir bis über den späten Vormittag hinaus Matratzen prüften. Wir waren es, die dadurch Rückenprobleme bekamen und zwecks verlängerter Krankschreibung erneut zu Dr. Wamhoff mußten. Wir ließen nachmittags die Kinokassen klingeln. Wir waren es, die etwas Leben und vor allem Charme ins Erfurter Stadtbild brachten. Wir waren es, die westdeutschen Reisebussen den Weg durch die verfallende Altstadt wiesen, voraneilend. Wir waren die Touristenführer. Wir mußten deren Zigaretten qualmen. Wir schwammen mitten in der Woche in den Freibädern um unser Leben.
Wir mußten rennen, wenn das Gerücht die Runde machte, Südfrüchte seien eingetroffen. Wir mußten stundenlang Schlange stehen. Wir waren es, die andere auf gefährliche Straßenlöcher hinwiesen. Wir trösteten die Gestolperten auf dem Hauptfriedhof, die Witwen. Wir mußten bei ihnen zu Hause Selbstgebackenes probieren. Wir beneideten unsere gesunden Kollegen.
Wir hätten eine Partei gründen sollen. Wir waren das Volk.
Die zu Wamhoffs Praxis die Treppen Raufschleichenden sahen freilich ganz anders aus. Einige bluteten stark aus Nase oder Mund, hatten sich vor der Haustür von einem fröhlich das Weite Suchenden ordentlich eine reinhauen oder ins Kreuz treten lassen. Auch ich durfte mich auf diese Weise mal an einer hübschen Unschuldigen vergreifen, wofür ich mich allerdings bei ihr am gleichen sonnigen Vormittag auf einer Wiese mehrmals und standhaft entschuldigte.
Andere spuckten teure Kirschsäfte oder äußerst raren Ketchup, keine Kosten scheuend. Wieder andere waren wie der Tod geschminkt. Hier trumpften besonders unsere Theaterschaffenden auf. Mancher ließ sich sogar, aus allen Öffnungen blutend sowie geschminkt, hoch- und in die gerammelt volle Praxis reintragen und ohne Anzuklopfen vor Wamhoffs Füße legen – etwas zu verwegen für meinen heutigen Geschmack. Ich weiß, wovon ich rede. Ich habs mitgemacht. Ich war’s.
Medizinalrat Dr. Wamhoff war in den strengen, wachsamen Augen der Obrigkeit eine fleißige faule Birne, ein Zersetzer, ein perfider Tunichtgut und Untergrundkämpfer in aller Öffentlichkeit, vielleicht sogar der als Samariter getarnte, eingeschmuggelte Klassenfeind.
Für ihn gab es in der ganzen Stadt nur Kranke, die gerettet werden mußten. Ein einziges Mal ließ er mir gegenüber durchblicken, auch er, der Fels in der Bakterien- und Virenbrandung, leide seit Jahren an der gleichen, hartnäckigen Verstimmung wie ich.
Er sagte nicht Gastritis.
Ich habe nie erfahren, ob er meine Bauchbeschwerden als gespielte erkannte. Jedenfalls verschrieb er jedesmal Rollkuren und strengste Diät. Meist brauchte ich mich gar nicht mehr zu entblättern, ihm genügte ein Blick auf meine vom Saufen blasse Nase, die rotgeriebenen Augen. Und nicht selten schallte mir sein Urteil “Gas-tri-tis! Ka-mil-len-tee! Kei-ne fet-ten Din-ge es-sen! Null Al-ko-hol!” schon entgegen, wenn ich für ihn noch gar nicht zu sehen war, nur mein Fuß schon den Raum betreten hatte.
Einmal, es war lausig kalt und es würde am nächsten Morgen in der Werbeabteilung viel zuviel Arbeit auf mich warten und ich hatte mir deshalb wieder einen langen, vergnügten Abend vorgenommen, führten mich meine Schritte entschlossen in Richtung Wamhoff’sche Praxis – geschlossen, war ja klar, 21 Uhr.
Ich klingelte von unten in den vierten Stock, die Wamhoffsche Wohnung, in der er sicher mit seiner Frau und Sprechstundenhilfe gerade Rollkuren absolvierte. Als erstes erschien die Frau am Fenster: “Ja?”
“Gas-tri-tis!” rief ich hoch.
“Ist das Ihr Na-me?” rief sie.
“Nein, mei-ne Krank-heit.”
“Na-me? Ge-burts-da-tum?”
Ich rief auch das.
“Au-gen-blick!” Die Wamhoffsche verschwand.
Nun beugte sich der Chef persönlich über die Brüstung. “Seit wann?”
“’n Amd, Herr Wamhoff”, rief ich, “seit heu-te früh.”
Er rief: “Wie lan-ge?”
Ich rief: “Wie wie lan-ge?”
Er glaubte, sich verhört zu haben. “W-i-e l-a-n-g-e?”
“W-e-i-ß i-c-h d-o-c-h n-i-c-h-t ...”
Er legte sich ins Zeug, sein massiger Oberkörper erschien bis zum vierten Hemdknopf. “K-r-a-n-k s-e-i-n w-i-e l-a-n-g-e?”
Hoffentlich fällt der nicht noch aus’m Fenster, dachte ich besorgt. Dann is’ nix mit Vergnügen heut’, dann is’ Tapezieren angesagt morgen in aller Frühe und Arschkälte, 13 Schaufensterräume, sämtliche Fußböden mit Stoff neu bespannen, gegen Abend nackte Puppen durchs Gewühl schleppen, dreißigmal mit der Handkarre zwischen unsrer externen Abteilung in der Leninstraße und diesem Sauladen von Kaufhaus am Anger, wo’s sowieso nichts Vernünftiges gab, hin und her – einem Handwagen, der unter Kaiser Wilhelm gedient haben könnte und dessen Gummiräder schon wenn sie mich nur ahnten die Luft restlos entweichen ließen. Und die Überstunden! Und alles auf strengsten Befehl von Schwade. Alles ohne Willi. Alles allein – o Gott!
Ich schrie wie um mein Leben: “V--i--e--r T--a--g--e g--e--n--ü--g--e--n!!”
Im Nachbarhaus gingen Fenster auf. Jemand keifte um Ruhe. Auf der anderen Straßenseite wollte sich eine Menschentraube bilden.
“R-e-i-c-h-t n-i-c-h-t”, schrie Wamhoff, “m-i-n-d-e-s-t-e-n-s s-i-e-b-e-n.”
Nun, feilschen wollte ich nicht. Ich signalisierte mein Einverständnis nach oben. Auf ein paar Tage mehr kam’s mir nicht an. Außerdem ging allmählich so ’ne Art Genickstarre los. Und sicher waren die Bullen auch nicht mehr weit.
“A-u-g-e-n-b-l-i-c-k!” schrie er, sein Kopf verschwand. Ich hörte ihn ins Zimmer schreien: “S-i-e-b-e-n!”
Nach einer Weile erschien wieder die Wamhoffsche. Ich konnte es nicht richtig erkennen, dazu war es zu dunkel, aber es sah aus, als ob sie am Fenster häkelte.
“A-u-g-e-n-b-l-i-c-k!” schrie sie runter.
Ich renkte mir die Glotzen aus. Dann kam ein helles Dingsbums auf mich zu, an einem Strick runtergelassen. Ein Nähkörbchen, mit Stoff obendrauf und Schleife. “Aaah”, hörte ich vom Bürgersteig gegenüber.
“Ö-f-f-n-e-n!” ertönte der heisere Befehl.
Ich hielt es fest, löste mit der anderen Hand die Schleife. Drinnen lag, noch war die Tinte nicht trocken, mein ein und alles, meine Ausreisegenehmigung, mein Urlaub, meine Kur, mein Ännchen von Tharau, mein Leid und mein Glück, der Krankenschein.